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UDV-Unfallforscher zur Sicherheit des Radverkehrs

Assistenzsysteme kommen ohne Einbauvorschrift nur zäh

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr - Jahresbericht 2017
Mehr Sicherheit im Straßenverkehr - Jahresbericht 2017 © Unfallforschung der Versicherer (UDV)

Unfallforschung der Versicherer (UDV) - Jahresbericht 2017 - Mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Im nun veröffentlichten UDV-Jahresbericht für das Jahr 2017 schreiben die Autoren des Vorworts, Dr. Robert Heene (Vorsitzender der Kommission Kraftfahrt Schadenverhütung) und Siegfried Brockmann (Leiter Unfallforschung der Versicherer):

Unser Standpunkt: Bis vollautomatisierte oder autonome Systeme auf den Markt kommen, sollte der Fahrer in manuell gesteuerten Fahrzeugen durch immer besser werdende Assistenzsysteme unterstützt werden. Automatisierte Systeme, die eine Überwachung durch den Fahrer erfordern oder ihn ohne ausreichende Vorwarnzeit als Rückfallebene vorsehen, sollten dagegen nur für professionelle Testfahrer zur Anwendung im öffentlichen Straßenverkehr kommen. (...)

Schließlich müssen wir noch auf Assistenzsysteme zu sprechen kommen, die vor allem dem Radfahrerschutz dienen sollen. Da konnten wir zeigen, dass Radunfälle durch plötzlich sich öffnende Autotüren (sogenannte Dooring-Unfälle) zwar vergleichsweise selten geschehen, aber dann meist sehr schwer verlaufen. Verhindern könnte dies ein Assistent, der die Öffnungsmechanik für einen kurzen Moment sperrt, wenn sich ein Fahrrad im Annäherungsbereich befindet. Einzelne Angebote, die den Fahrer warnen, lösen das Problem insbesondere bei zügiger Öffnung der Tür nicht. Deshalb halten wir eine kurze Sperre für nötig und angesichts des Sicherheitsnutzens auch für hinnehmbar.

Schwerste bis tödliche Verletzungen erleiden Radfahrer auch immer wieder bei Kollisionen mit abbiegenden Lkw. Inzwischen gibt es Fahrzeuge, die den Fahrer vor einer solchen Kollision warnen. Allerdings gibt es die Systeme für viele Sonderaufbauten, wie beispielsweise Müllfahrzeuge oder Betonmischer, noch nicht, obwohl solche Fahrzeuge fast die Hälfte der schweren Abbiegeunfälle verursacht haben. Schlimmer ist jedoch, dass nur ein Hersteller sie überhaupt im Programm hat. Es ist, wie so oft: Ohne eine Einbauvorschrift kommen die Sicherheitssysteme nicht oder nur zäh. Deshalb werden wir uns jetzt auf allen Ebenen dafür stark machen.

Schließlich noch das Megathema Ablenkung durch Schreiben und Lesen von Textbotschaften: Da kommt unsere Studie zu der Erkenntnis, dass die meisten Fahrer durchaus die Verkehrssituation einbeziehen und also nur dann zum Smartphone greifen, wenn sie keine Gefahr sehen. Das Problem liegt deshalb darin, dass vor allem junge und unerfahrene Fahrer die Situation falsch einschätzen. Wir glauben, dass die Kommunikation diesen Punkt künftig stärker in den Vordergrund rücken muss.

Radfahrerunfälle mit der Pkw-Tür

Unfälle, bei denen Radfahrer in eine sich öffnende Autotür fahren, passieren vergleichsweise selten, sind aber häufig sehr schwer. Das hat eine Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) auf Basis der eigenen Unfalldatenbank (UDB) ergeben. Der zugrundeliegende Datenpool enthält 416 Pkw-Radfahrer-Unfälle. Die Analysen zeigten eine hohe Relevanz von Frontalkollisionen für Radfahrer (59 Prozent). Es wurden aber auch andere Problembereiche erkannt. Zum Beispiel der Seitenanprall. 37 Prozent alle Pkw-Radfahrer-Unfälle sind auf einen Anprall an der Fahrzeugseite zurückzuführen, während Heckkollisionen lediglich vier Prozent ausmachen. Danach kollidierte bei rund jedem 14. Pkw-Radfahrer-Unfall (7 Prozent) ein Radfahrer mit einer sich öffnenden Autotür, meist der Fahrertür. Rund jeder fünfte dieser Unfälle endete mit einer schweren Verletzung für den Radfahrer. Meist sind es Kopfverletzungen und Verletzungen der Beine (je 40 Prozent).

Oft geschehen diese Unfälle dort, wo es keine separate Radverkehrsführung wie Schutzstreifen oder Radfahrsteifen gibt, also an "normalen" Straßen, an denen der Radfahrer direkt am parkenden Verkehr vorbei fahren muss. Dabei stellen parkende Fahrzeuge grundsätzlich ein Risiko für Radfahrer dar. Dies sollte bei Infrastrukturplanungen berücksichtigt werden. Bei der Anlage von Fahrradstraßen sollten deshalb grundsätzlich keine parkenden Autos zugelassen werden. Neben auf der Fahrbahn befindlichen Radfahr- oder Schutzstreifen sollten ebenfalls keine Parkflächen ausgewiesen werden. Wo diese schon vorhanden sind, sollte ein mindestens 50 Zentimeter breiter Sicherheitsstreifen markiert werden.

Um diese Tür-Unfälle zu verhindern, sind auch technische Lösungen gefragt, die den aussteigenden Pkw-Fahrer nicht nur warnen, sondern konsequent das Öffnen der Türen kurz vor und während des Vorbeifahrens eines Radfahrers verhindern. Immerhin elf Meter vorher müsste ein Radler, der mit 20 km/h unterwegs ist, bemerken, dass die Tür aufgeht, um noch bis zum Stillstand bremsen zu können. Ausweichmanöver brauchen bei einspurigen Fahrzeugen ähnlich lange Strecken und sind überdies wegen überholender Autos oft gar nicht möglich. Weitere Infos hier.

Schwere Unfälle mit schweren Lkw

Unfälle von schweren Lkw ziehen regelmäßig die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit auf sich. Bei diesem Forschungsprojekt der UDV lag das Hauptaugenmerk auf der Beteiligung von Lkw mit über zwölf Tonnen zulässigem Gesamtgewicht an schweren Unfällen mit Schwerverletzten oder Getöteten. Diese nach EU-Klassifizierung als "N3-Fahrzeuge" eingeordneten Lkw umfassen fast alle Sattelzugmaschinen, aber auch schwere zwei- und dreiachsige Güterkraftfahrzeuge sowie Baustellen- und Sonderfahrzeuge. (...)

Innerorts-Unfälle mit schweren Unfallfolgen und Beteiligung schwerer Lkw, besonders Solo-Lkw im Verteilerverkehr, haben mehrheitlich ungeschützte Verkehrsteilnehmer als Gegner. Insbesondere Radfahrer wurden dabei in Rechts-Abbiege-Manövern von Güterkraftfahrzeugen oftmals überrollt. Detailanalysen der Verletzungsmuster zeigen, dass auch bei überlebten Überroll-Traumata schwerste Langzeitfolgen für die Betroffenen zu befürchten sind. Elektronischen Abbiege-Assistenten, die den Fahrer bei drohender Kollision mit einem rechts neben dem Lkw befindlichen Radfahrer oder Fußgänger warnen oder sogar selbsttätig eine Bremsung einleiten, wird daher ein hohes Unfallvermeidungspotenzial zugeschrieben.

Die Projektergebnisse liefern tiefere Einblicke für die Auslegung von Fahrerassistenzsystemen. Andererseits verdeutlichen die Resultate, dass Lkw-Fahrer nur in etwa der Hälfte der Unfälle mit Personenschaden Hauptverursacher sind und technische Verbesserungen am Lkw und Anhänger dann weitgehend auf Maßnahmen zur Erhöhung der passiven Sicherheit beschränkt bleiben.

Ablenkung durch "Texting"

Smartphones gehören heutzutage zum Alltag vieler Menschen. Sie werden immer und überall genutzt, auch im Auto. Immer mehr Fahrer bearbeiten während des Fahrens Textnachrichten oder verfassen E-Mails. Dabei ist bekannt, dass das Lesen und Verfassen von Textnachrichten negative Auswirkungen auf die Fahrperformanz haben und das Unfallrisiko erhöhen kann. (...)

Die Untersuchungen ergaben, dass das Texten beim Fahren i.d.R. keine negativen Konsequenzen nach sich zieht. Dadurch lernen sie, dass das Texten möglicherweise nicht so gefährlich ist bzw. das höhere Risiko von ihnen selbst kontrolliert werden kann. In der Folge texten die Fahrer aus Gewohnheit, auch in anspruchsvolleren Verkehrssituationen. Diese Kontrollillusion aufzubrechen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, ist eine große Herausforderung für die Verkehrssicherheitskommunikation.

Die Publikation enthält weitere interessante Erkenntnisse und Berichte mit Bezug zum Radverkehr, beispielsweise der Hinweis auf das durchgeführte Symposium "Elektrofahrräder - Herausforderungen und Trends", eine Untersuchung zur "Fahrradstaffel Berlin" und zum Stand der Forschung zur Mobilitäts- und Verkehrserziehung.

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Stand der Information
14. Mai 2018
Weitere Informationen
Quelle
Unfallforschung der Versicherer (UDV)
Land
Deutschland
Handlungsfelder NRVP
Verkehrssicherheit
Fahrradthemen
Forschung
Verkehrssicherheit
Schlagworte
Unfall