Sie sind hier

Szenarien-Studie für das Jahr 2050

Mobiles Baden-Württemberg - Wege der Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität

Studie "Mobiles Baden-Württemberg - Wege der Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität"
Studie "Mobiles Baden-Württemberg - Wege der Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität" © Baden-Württemberg Stiftung (Hrsg.)

Der 2016 verabschiedete Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung sieht als Zwischenziel für 2030 vor, die Treibhausgasemissionen Deutschlands um ca. 55 Prozent gegenüber dem Wert von 1990 zu mindern. Für den Verkehrssektor ist eine Minderung um 40 bis 42 Prozent vorgesehen. 2050 soll weitgehende Treibhausgasneutralität erreicht sein. Der Verkehrssektor ist mit einem Anteil von knapp 32 Prozent nicht nur der größte CO2-Emittent in Baden-Württemberg. Er ist auch der einzige Sektor, der in der Vergangenheit kaum Minderungen erreichen konnte, da erreichte Effizienzsteigerungen durch einen Anstieg des Verkehrs und den Trend hin zu immer leistungsstärkeren Fahrzeugen aufgehoben wurden. In jüngster Zeit ist die Automobilindustrie wegen der Überschreitung der EU-Grenzwerte für Stickoxide und wegen der Feinstaubproblematik v.a. in urbanen Räumen zusätzlich besonderer Kritik ausgesetzt.

Für die Autorinnen und Autoren steht außer Frage: Die Belastungen für die Menschen, das Klima und die Umwelt durch den Verkehr müssen weniger werden. Gleichzeitig sollen ökonomischer Wohlstand, Arbeitsplätze und ein gutes Leben ohne soziale Verwerfungen in Baden-Württemberg weiterhin gesichert werden. Die Erreichung des Ziels der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit ist kein Selbstläufer. Der Wandel hin zu einem zukunftsfähigen Mobilitätssystem muss aktiv gestaltet werden. Nur so können die im gesellschaftlichen und politischen Konsens beschlossenen Ziele erreicht bzw. gesichert werden. Das ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Studie. Sie soll Material für die gesellschaftliche Diskussion der zentralen Fragen liefern: Wie könnten Verkehr und Mobilitätskultur zukünftig aussehen? Und: Wie kann oder muss der Strukturwandel des Mobilitätssystems und der Automobilwirtschaft in Baden-Württemberg politisch gestaltet werden, um die genannten Ziele zu erreichen?
 
Die Baden-Württemberg Stiftung und der BUND möchten mit dieser Studie Wege aufzeigen, wie sich Mobilität in Zukunft entwickeln kann und wie am ehesten die gesteckten Ziele einer ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit erreicht werden können. Die gemeinsam gesteckten Ziele für 2030 wie 2050 sind ernst zu nehmen und eigene Perspektiven kritisch zu hinterfragen. Außerdem sollte nach Übergängen in eine nachhaltige Mobilitätswirtschaft wie Mobilitätskultur gesucht und der Wandel aktiv gestaltet werden. Geschichte könnte sich wiederholen und Baden-Württemberg einmal mehr weltweit Anstoß und Vorbild für moderne Mobilität sein.

Die Studie wirft einen ausführlichen ganzheitlichen Blick auf den Ausgangspunkt, die Notwendigkeit und Möglichkeiten des Wandels und untersucht die damit einhergehenden Herausforderungen, aber auch dessen Chancen. Die Studie betrachtet die ganze Mobilitätswirtschaft. Diese umfasst neben den Automobilherstellern auch Hersteller anderer Fahrzeuge (u.a. Schienenfahrzeuge, Busse, Zweiräder), Fahrzeughandel und Werkstätten, den öffentlichen Verkehr (u.a. ÖPNV, Taxi) und die Güterbeförderung sowie die Erbringung von sonstigen Dienstleistungen für den Verkehr, welche u.a. den Betrieb der Verkehrsinfrastruktur bzw. von Verkehrseinrichtungen (u.a. Parkhäuser, Bahnhöfe) umfassen.

Übergreifendes Ziel des Projektes war es, Szenarien für eine nachhaltige Mobilität 2050 zu entwickeln, diese Szenarien daraufhin auf ihre tatsächliche Nachhaltigkeit zu überprüfen und – sofern es sich tatsächlich um ein nachhaltiges Mobilitätskonzept handeln sollte – die Wege dorthin zu diskutieren. Letztgenanntes Ziel diente dazu, Handlungsoptionen zu identifizieren, die eine Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität unterstützen, und aus denen politisches Handeln ableitbar ist. Gemeinsam mit den 19 Vertretern der Mobilitätswirtschaft, Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden sowie der Zivilgesellschaft und unter Beteiligung des wissenschaftlichen Projektbeirats wurden in einem iterativen Prozess im Rahmen von drei Stakeholderworkshops, Beiratssitzungen und dazwischengeschalteten Arbeitsphasen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler drei Szenarien formuliert, die mögliche Entwicklungspfade der Mobilität in Baden-Württemberg bis 2050 aufzeigen 

Im Anschluss an die Trendanalysen wurden gemeinsam mit dem Stakeholderkreis drei mögliche Szenarien entwickelt. Die leitenden Fragen waren:

  • Wie könnte nachhaltige Mobilität im Jahr 2030 und im Jahr 2050 aussehen?
  • Wie nachhaltig sind die entworfenen Szenarien? Gibt es Transformationspfade, die die Einhaltung der ökologischen Ziele ermöglichen und zugleich verhindern, dass es zu deutlichen Einschränkungen bei den ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen kommt? Welche Bedeutung haben die Szenarien für die Mobilitätswirtschaft?
  • Mit welchen politischen Instrumenten und Rahmenbedingungen könnte die Realisierung einer nachhaltigen Mobilität gelingen? Welche Handlungsoptionen gibt es?

Die drei Szenarien unterscheiden sich hinsichtlich der denkbaren Ausprägungen der Mobilität im Jahr 2050 erheblich. Es gibt aber auch szenarienübergreifende Trends und Entwicklungen: In allen drei Szenarien wurde als Ziel die Eindämmung des Klimawandels als international anerkanntes Leitmotiv für Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft unterstellt. Die CO2-Bilanz des Fahrzeugantriebs wird in allen drei Szenarien durch maximale Elektrifizierung des Fahrzeugbestands und den Einsatz von erneuerbaren Energien stark verbessert. Die Bevölkerung wächst in allen drei Szenarien geringfügig. Die Digitalisierung nimmt stark zu und verändert das Verkehrsgeschehen. Auch das autonome Fahren hat sich bis 2050 in allen Szenarien durchgesetzt sowie den öffentlichen und Individualverkehr strukturell verändert.

Die drei gemeinsam entworfenen Szenarien bilden unterschiedliche Entwicklungen ab:

  • Mit dem Szenario "Neue Individualmobilität – privat und komfortabel unterwegs" (NIM) wird das Problem des Klimawandels und der Treibhausgase vor allem technisch angegangen ohne dass die Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer ihr Alltagsverhalten gravierend ändern.
  • Das Szenario "Neue Dienstleistungen – kreative Geschäftsmodelle, geteilte Fahrzeuge" (NDL) geht davon aus, dass vor allem die soziale Innovation des Fahrzeug-Sharings im Alltag und die Sharing-Ökonomie stark zunehmen.
  • Das Szenario "Neue Mobilitätskultur – kürzere Wege, flexible öffentliche Systeme" (NMK) geht davon aus, dass deutliche Veränderungen im Mobilitätsverhalten unter Einbeziehung von Suffizienz Ansätzen gelebte Alltagspraxis werden.

Die Studie wurde bearbeitet von:

Öko-Institut: Florian Hacker, Dr. Wiebke Zimmer, Peter Kasten, Ruth Blanck, Dirk Arne Heyen
Fraunhofer IAO: Florian Hermann, Andrej Cacilo, Thomas Ernst
IMU Institut GmbH: Dr. Jürgen Dispan, Sylvia Stieler
ISOE: Dr. Konrad Götz und Dr. Jutta Deffner